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klettern in Kroatien – Velebit – Paklenica

2009 September 26
Posted by mouuntengrower

Kroatien – Velebit – Paklenica
Das Paklenica Syndrom

Ab nach Hause — und zwar schnell«, denke ich mir, als ich am Freitag abend die Ladentüre in Zagreb hinter mir schließe. Endlich Wochenende. Meine Familie wird schon auf mich warten. Naja — groß weglaufen können sie ja schließlich auch nicht. Noch schnell das Nötigste eingepackt und ab durch die Mitte. Jetzt erwarten mich zwei Stunden Fahrt. Was tut man nicht alles für ein Wiedersehen! Dabei ist mein letzter Besuch noch gar nicht so lange her. Genau eine Woche. Mir kommt es wie eine Ewigkeit vor. Mit jedem gefahrenen Kilometer stellt sich wieder mehr Vertrautheit ein. Jeder weitere Meter Richtung Ziel lässt dieses Gefühl in mir wachsen. Vorfreude und Unruhe machen sich breit.
Die Gegend um Paklenica hat einen besonderen Reiz. Ihr Charme verzaubert viele und fesselt manche für immer. Es ist die Seele des Ortes, der sich trotz großer Vielfalt und Tourismus seine Einzigartigeit erhalten hat. Gerade das zeichnet ihn aus. Kletterer und Naturliebhaber finden hier alles, was sie zum Glücklichsein brauchen: Das Meer ist nah, die Berge nicht weit, die Schönheit der rauen Natur oft ungezähmt. Das macht die Atmosphäre so besonders. Und obendrein alle Arten des Kletterns: Bouldern, kurze oder alpine Sportklettereien und Tradclimbing-Routen — für blutige Anfänger wie für erfahrene Kletterprofis.

Home, sweet home!
Angekommen, steuere ich traditionell das Restaurant »Paklenica« von Dinko an. Hier sauge ich die Atmosphäre förmlich auf, versorge mich mit dem neuesten Klatsch und Tratsch und gönne mir erst einmal einen Kaffee. Das schwarze Gebräu vermittelt einfach Gemütlichkeit. Ich liebe es fast genauso wie eine gute Kletterroute. aber eben nur fast. Und dann im da natürlich auch noch Dinko, der Restaurantbesitzer, den lieben alle hier. Er ist wie ein großzügiger Opa für uns Kletterer. Auf seiner Terrasse fühle ich mich so gut aufgehoben wie bei meinen Eltern. Manchmal serviert er mir sogar schon unaufgefordert eine Tasse Kaffee …
So, jetzt aber schnell zurück ins Auto. Genug sinniert, denn die Familie wartet und ich bin schon ganz ungeduldig. Auf der kurzen Fahrt von der Stadt Sta-rigrad hinauf in die Schlucht habe ich das Gefühl, als stiege mit jedem Meter vorwärts auch die Höhe der umgebenden Felsen an. An der schmalsten Stelle fühle ich mich fast von ihnen umzingelt. Hier gibt es scheinbar keinen Ausweg mehr. Und wieder einmal ist es passiert: die Schlucht hat mich »eingesaugt«. Ihr wildes Ambiente und das grandiose Farbenspiel der Natur tun ein Übriges.

Zum Verrücktwerden
Es hat mich wieder erwischt, das Paklenica-Syndrom! Es ist ein Sog, eine Art Sucht — nur schlimmer: Es gibt keinen Entzug. Egal, denke ich mir. Finde dich damit ab! Besser früher als später. Denn jetzt steht sie endlich wieder vor mir, meine »Familie«. Ich muss sie berühren, habe sie vermisst. Festhalten will ich den Fels, der mir Heimat geworden ist: die wunderbaren Wände Paklenicas — ein Paradies aus Kalk! Um die einhundert eingebohrte Mehrseillängen-Routen warten auf Fels-Verrückte. Für Klassiker wie »Mosoraski« (5c) und »Velebitaski« (6a+) mit Tausenden von Wiederholungen empfiehlt sich sehr frühes Aufstehen, wenn man nicht schon am Einstieg anstehen möchte. Aber nicht alle Klassiker wurden saniert. Traditionelle Routen sind in letzter Zeit wieder mehr in Mode gekommen, denn für viele Kletterer sind sie die wahre Herausforderung. Gut also, dass die Parkverwaltung beschlossen hat, keine weiteren Sanierungen am Anica kuk vorzunehmen.

Kurz und nicht schmerzlos
Sportkletterer, die Einseillängenrouten oder Boulder bevorzugen, finden in Paklenica mehr und mehr Potential, denn die Erschließung ist noch lange nicht abgeschlossen. In letzter Zeit wurden vor allem kinder- und kursfreundliche Klettereien eingerichtet.
Klar, dass die ersten Routen am Eingang der Schlucht, ganz in der Nähe des Parkplatzes, zu finden sind. Charakteristisch sind senkrechte oder leicht überhängende Platten mit kleinen und vor allem scharfen Griffen. Es dominieren die unteren und mittleren Schwierigkeitsgrade. Einfacher Zustieg kombiniert mit ebenem Sicherungsgelände macht die Klettereien so beliebt.

Jetzt wird’s luftig
Direkt am Parkeingang liegen auch einige hohe Wände mit einfacheren Routen, die für Anfänger und Kurse bestens geeignet sind. Manche sind sogar geboltet. Am Kuk Tisa verlaufen die Routen »Zubatac« (4a) und »Josipa Debeljaka« (4a) an den ersten Rücken und ermöglichen so einen guten Rundumblick über die Schlucht und die umgebende Landschaft. Dort wo der eng-
ste Teil der Schlucht beginnt — ein bis zwei Gehminuten vom Parkplatz entfernt — liegen zwei wunderschöne Wände: Zur Rechten Kuk od Skradelin mit bis zu 120 Meter hohen, meist eingebohrten Mehrseillängen-Routen. Auf der linken Seite liegt Kukovi ispod Vlake mit der klassischen Linie »Nosorog« (4b), an einer luftigen Felskante.
Vorbei an den kurzen Sportklettereien in Parkplatznähe erreicht man nach fünf Minuten talaufwärts rechts den Wandfuß des Veliki Cuk mit vielen Mehrseillängen-Routen mittlerer Schwierigkeit wie »Centralni kamin« (5a) oder »Karamara sweet temptations« (6a+). Gegenüber befindet sich der Debeli kuk mit dem 200 Meter hohen Pfeiler »Stup Debelog kuka«. Über die Abseilpiste kommt man schnell wieder zum Wandfuß und kann so auch bei nur kurzen Gutwetterperioden noch lange Routen klettern. Früher war »Diagonalka« 6a+ die meist-begangene Route, heutzutage ist es eine andere: Extra für das Event-Highlight des Jahres, den »Big Wall Speed Climbing«-Wettbewerb. wurde die gleichnamige Route im Grad 6c+ eingerichtet — steil und bestens gesichert.

Traumrouten gefällig?
Vom Fuß des Debeli kuk. schweift der Blick zum ersten Mal zur beeindruckenden, 350 Meter hehe:: Nordwest-wand des Anica kuk. Mit mehr als 100 Routen, 60 davon eingebohrt ist es das größte Massiv Alle Wege hinauf bieten :I zumeist steile Kletterei. Der kleinere Turm, der sich während des. Zustiegs vor einem aufbaut. beißt -Smp«. Ein Pfeiler mit tollen. homogenen Klettereien zwischen 5b und Besonders empfehlenswert ist hier .Karabore« (5c) — eine super Verschneidung. Ebenfalls ein Muss ist »Domzalski« (6a+). Insgesamt gliedert sich das Massiv in fünf Sektoren. Im Sektor NW-Wand finden sich die meist gekletterten längeren Routen. Die einfachste ist »Mo-soraski«, eine gut abgesicherte, fantastische 5c. Nur ein wenig speckig ist sie schon. Rauer ist die etwas schwierigere »Velebitaski« (6a+). Im Sektor Klin wartet die tolle Route »Klin« (6c+). Ihr abschließender Riss ist so unglaublich genial, dass sich allein dafür die Fahrt schon lohnt. Hardmover finden mit dem Klassiker »Brid Klina« (7c) oder Routen wie »Alan Fjord« (7b+), »Bubamara« (7c) oder »Spider« (8a) reichlich Betätigungsmöglichkeiten.
Wer nach dem ganzen Klettern nun einen Rasttag braucht, sollte die leichte Wanderung in den oberen Teil der Schlucht in Richtung der Schutzhütte »Borisov dom« unternehmen. Auf dem Weg liegt eine Nationalpark-Hütte, an  der Ranger Getränke und Bratwürste verkaufen. Nach dem Aufstieg schmecken sie immer unglaublich gut.

Nächster Halt: Dinko
Und dann ist er da, der Moment. Unweigerlich immer näher gerückt. Nach einem langen Kletterwochenende muss ich sehnsüchtig meine Fels-Familie und auch meine Freunde in Paklenica verlassen. Die Arbeit ruft. Davor noch ein schnelles Apres-Climb-Bier und eine kurzweilige Unterhaltung auf Dinkos Terrasse. Dann mache ich mich wehmütig auf den Weg zurück nach Zagreb. Oder vielleicht doch noch ein paar Tage ins neue Sportklettergebiet Karin? Schließlich wäre das nur 30 Fahrminuten entfernt. 60 überhängende Routen an rotem und gelbem Fels. Was ich auch mache, auf jeden Fall bin ich nächstes Wochenende wieder hier — zu Hause in Paklenica.
visit climb.de

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