Paradeklettersteig im vorderen Stubaital
Wer die Ochsenwand 2700 m bezwingen will, muss Erfahrung und eine gute Kondition mitbringen. Insgesamt acht Stunden dauert das spektakuläre Vergnügen bei Fulpmes, rund 20 Kilometer südlich von Innsbruck. Ab der Liftstation Froneben geht es über die Schlicker Alm zum Einstieg. Und dann wird es steil. Aber dafür warten herrliche Blicke auf schimmernde Firnflächen und abwechslungsreiches Gelände. Etwas bequemer: Zustieg ersparen, per Sessellift zum Kreuzjoch und zum Einstieg hinabwandern 1 Std.
Steiler Steig über dem urigen Gschnitztal
Volle 10 Stunden muss man für den Ilmspitz Klettersteig einplanen. Alleine der Zustieg zur Innsbrucker Hütte dauert 3 Stunden. Am besten verteilt man also das Unternehmen auf zwei Tage, steigt erst mal gemütlich vom Gasthaus Feuerstein bei Ggschnitz (35 km südwestlichh von Innsbruck) auf, nimmt eventuell noch den Test Klettersteig an der Hütte mit und übernachtet dort. Dann geht es tags darauf steil hinauf auf die Ilmspitze 2693 m; unterwegs warten imposante Blicke auf die schroffen Dreitausender der Stubaier Alpen.
Kroatien – Velebit – Paklenica
Das Paklenica Syndrom
Ab nach Hause — und zwar schnell«, denke ich mir, als ich am Freitag abend die Ladentüre in Zagreb hinter mir schließe. Endlich Wochenende. Meine Familie wird schon auf mich warten. Naja — groß weglaufen können sie ja schließlich auch nicht. Noch schnell das Nötigste eingepackt und ab durch die Mitte. Jetzt erwarten mich zwei Stunden Fahrt. Was tut man nicht alles für ein Wiedersehen! Dabei ist mein letzter Besuch noch gar nicht so lange her. Genau eine Woche. Mir kommt es wie eine Ewigkeit vor. Mit jedem gefahrenen Kilometer stellt sich wieder mehr Vertrautheit ein. Jeder weitere Meter Richtung Ziel lässt dieses Gefühl in mir wachsen. Vorfreude und Unruhe machen sich breit.
Die Gegend um Paklenica hat einen besonderen Reiz. Ihr Charme verzaubert viele und fesselt manche für immer. Es ist die Seele des Ortes, der sich trotz großer Vielfalt und Tourismus seine Einzigartigeit erhalten hat. Gerade das zeichnet ihn aus. Kletterer und Naturliebhaber finden hier alles, was sie zum Glücklichsein brauchen: Das Meer ist nah, die Berge nicht weit, die Schönheit der rauen Natur oft ungezähmt. Das macht die Atmosphäre so besonders. Und obendrein alle Arten des Kletterns: Bouldern, kurze oder alpine Sportklettereien und Tradclimbing-Routen — für blutige Anfänger wie für erfahrene Kletterprofis.
Home, sweet home!
Angekommen, steuere ich traditionell das Restaurant »Paklenica« von Dinko an. Hier sauge ich die Atmosphäre förmlich auf, versorge mich mit dem neuesten Klatsch und Tratsch und gönne mir erst einmal einen Kaffee. Das schwarze Gebräu vermittelt einfach Gemütlichkeit. Ich liebe es fast genauso wie eine gute Kletterroute. aber eben nur fast. Und dann im da natürlich auch noch Dinko, der Restaurantbesitzer, den lieben alle hier. Er ist wie ein großzügiger Opa für uns Kletterer. Auf seiner Terrasse fühle ich mich so gut aufgehoben wie bei meinen Eltern. Manchmal serviert er mir sogar schon unaufgefordert eine Tasse Kaffee …
So, jetzt aber schnell zurück ins Auto. Genug sinniert, denn die Familie wartet und ich bin schon ganz ungeduldig. Auf der kurzen Fahrt von der Stadt Sta-rigrad hinauf in die Schlucht habe ich das Gefühl, als stiege mit jedem Meter vorwärts auch die Höhe der umgebenden Felsen an. An der schmalsten Stelle fühle ich mich fast von ihnen umzingelt. Hier gibt es scheinbar keinen Ausweg mehr. Und wieder einmal ist es passiert: die Schlucht hat mich »eingesaugt«. Ihr wildes Ambiente und das grandiose Farbenspiel der Natur tun ein Übriges.
Zum Verrücktwerden
Es hat mich wieder erwischt, das Paklenica-Syndrom! Es ist ein Sog, eine Art Sucht — nur schlimmer: Es gibt keinen Entzug. Egal, denke ich mir. Finde dich damit ab! Besser früher als später. Denn jetzt steht sie endlich wieder vor mir, meine »Familie«. Ich muss sie berühren, habe sie vermisst. Festhalten will ich den Fels, der mir Heimat geworden ist: die wunderbaren Wände Paklenicas — ein Paradies aus Kalk! Um die einhundert eingebohrte Mehrseillängen-Routen warten auf Fels-Verrückte. Für Klassiker wie »Mosoraski« (5c) und »Velebitaski« (6a+) mit Tausenden von Wiederholungen empfiehlt sich sehr frühes Aufstehen, wenn man nicht schon am Einstieg anstehen möchte. Aber nicht alle Klassiker wurden saniert. Traditionelle Routen sind in letzter Zeit wieder mehr in Mode gekommen, denn für viele Kletterer sind sie die wahre Herausforderung. Gut also, dass die Parkverwaltung beschlossen hat, keine weiteren Sanierungen am Anica kuk vorzunehmen.
Kurz und nicht schmerzlos
Sportkletterer, die Einseillängenrouten oder Boulder bevorzugen, finden in Paklenica mehr und mehr Potential, denn die Erschließung ist noch lange nicht abgeschlossen. In letzter Zeit wurden vor allem kinder- und kursfreundliche Klettereien eingerichtet.
Klar, dass die ersten Routen am Eingang der Schlucht, ganz in der Nähe des Parkplatzes, zu finden sind. Charakteristisch sind senkrechte oder leicht überhängende Platten mit kleinen und vor allem scharfen Griffen. Es dominieren die unteren und mittleren Schwierigkeitsgrade. Einfacher Zustieg kombiniert mit ebenem Sicherungsgelände macht die Klettereien so beliebt.
Jetzt wird’s luftig
Direkt am Parkeingang liegen auch einige hohe Wände mit einfacheren Routen, die für Anfänger und Kurse bestens geeignet sind. Manche sind sogar geboltet. Am Kuk Tisa verlaufen die Routen »Zubatac« (4a) und »Josipa Debeljaka« (4a) an den ersten Rücken und ermöglichen so einen guten Rundumblick über die Schlucht und die umgebende Landschaft. Dort wo der eng-
ste Teil der Schlucht beginnt — ein bis zwei Gehminuten vom Parkplatz entfernt — liegen zwei wunderschöne Wände: Zur Rechten Kuk od Skradelin mit bis zu 120 Meter hohen, meist eingebohrten Mehrseillängen-Routen. Auf der linken Seite liegt Kukovi ispod Vlake mit der klassischen Linie »Nosorog« (4b), an einer luftigen Felskante.
Vorbei an den kurzen Sportklettereien in Parkplatznähe erreicht man nach fünf Minuten talaufwärts rechts den Wandfuß des Veliki Cuk mit vielen Mehrseillängen-Routen mittlerer Schwierigkeit wie »Centralni kamin« (5a) oder »Karamara sweet temptations« (6a+). Gegenüber befindet sich der Debeli kuk mit dem 200 Meter hohen Pfeiler »Stup Debelog kuka«. Über die Abseilpiste kommt man schnell wieder zum Wandfuß und kann so auch bei nur kurzen Gutwetterperioden noch lange Routen klettern. Früher war »Diagonalka« 6a+ die meist-begangene Route, heutzutage ist es eine andere: Extra für das Event-Highlight des Jahres, den »Big Wall Speed Climbing«-Wettbewerb. wurde die gleichnamige Route im Grad 6c+ eingerichtet — steil und bestens gesichert.
Traumrouten gefällig?
Vom Fuß des Debeli kuk. schweift der Blick zum ersten Mal zur beeindruckenden, 350 Meter hehe:: Nordwest-wand des Anica kuk. Mit mehr als 100 Routen, 60 davon eingebohrt ist es das größte Massiv Alle Wege hinauf bieten :I zumeist steile Kletterei. Der kleinere Turm, der sich während des. Zustiegs vor einem aufbaut. beißt -Smp«. Ein Pfeiler mit tollen. homogenen Klettereien zwischen 5b und Besonders empfehlenswert ist hier .Karabore« (5c) — eine super Verschneidung. Ebenfalls ein Muss ist »Domzalski« (6a+). Insgesamt gliedert sich das Massiv in fünf Sektoren. Im Sektor NW-Wand finden sich die meist gekletterten längeren Routen. Die einfachste ist »Mo-soraski«, eine gut abgesicherte, fantastische 5c. Nur ein wenig speckig ist sie schon. Rauer ist die etwas schwierigere »Velebitaski« (6a+). Im Sektor Klin wartet die tolle Route »Klin« (6c+). Ihr abschließender Riss ist so unglaublich genial, dass sich allein dafür die Fahrt schon lohnt. Hardmover finden mit dem Klassiker »Brid Klina« (7c) oder Routen wie »Alan Fjord« (7b+), »Bubamara« (7c) oder »Spider« (8a) reichlich Betätigungsmöglichkeiten.
Wer nach dem ganzen Klettern nun einen Rasttag braucht, sollte die leichte Wanderung in den oberen Teil der Schlucht in Richtung der Schutzhütte »Borisov dom« unternehmen. Auf dem Weg liegt eine Nationalpark-Hütte, an der Ranger Getränke und Bratwürste verkaufen. Nach dem Aufstieg schmecken sie immer unglaublich gut.
Nächster Halt: Dinko
Und dann ist er da, der Moment. Unweigerlich immer näher gerückt. Nach einem langen Kletterwochenende muss ich sehnsüchtig meine Fels-Familie und auch meine Freunde in Paklenica verlassen. Die Arbeit ruft. Davor noch ein schnelles Apres-Climb-Bier und eine kurzweilige Unterhaltung auf Dinkos Terrasse. Dann mache ich mich wehmütig auf den Weg zurück nach Zagreb. Oder vielleicht doch noch ein paar Tage ins neue Sportklettergebiet Karin? Schließlich wäre das nur 30 Fahrminuten entfernt. 60 überhängende Routen an rotem und gelbem Fels. Was ich auch mache, auf jeden Fall bin ich nächstes Wochenende wieder hier — zu Hause in Paklenica.
visit climb.de
Zu seinem 50 Geburtstag hat sich der Vorarlberger Sportkletterpionier ein besonderes Geschenk gemacht: eine Route im oberen X. Schwierigkeitsgrad, die ausschließlich mit Klemmkeilen und Friends abgesichert” ist: Was der Schwierigkeitsgrad E9 bedeutet, welche psychischen Schwierigkeiten bei der Erstbegehung zu überwinden waren, und wie die Zukunft des extremen Felskletterns aussehen könnte – darüber sprachen wir mit Beat Kammerlander.
von Peter Mathis
CLIMB: Was hat Dich veranlasst, Deine eigene Route an der Bürser Platte noch einmal, diesmal im »Trad Style«, erstzubegehen?
Beat: Die Idee, diese Route einmal clean zu klettern, existiert schon lange. Es waren die Erfahrungen der letzten sechs bis sieben Jahre, in denen mich die Risskletterei immer mehr faszinierte, insbesondere durch meine Erlebnisse in Utah und Yosemite. So war es nur eine Frage der Zeit, bis ich die einst abstrakte Idee in die Realität umsetzen konnte.
CLIMB: Was waren die Hauptprobleme vor dem erfolgreichen Durchstieg?
Beat: Die begrenzten Sicherungsmöglichkeiten. »Preprotected« könnte man das Ganze relativ sicher gestalten, aber »clean« existieren nur etwa die Hälfte der Sicherungspunkte. Das Legen der Keile ist nur in bestimmten Kletterpositionen möglich. Dazu kam die Schlüsselpassage, eine Wandkletterei auf Mikrotritten und Mikrogriffen, die ich auch mit »Adrenalin Bonus« nie zu hundert Prozent sicher
klettern kann. Dazu eine Sicherung vor der Schlüsselstelle, auf die du dich im »Fall eines Falles« nur ungern verlassen möchtest — ein Camelot der kleinsten Größe, verbunden mit einem Microstopper. Die Wahrscheinlichkeit, auf den Boden zu stürzen, war mir zu hoch, mit dieser Vorstellung konnte ich nicht leben. Da kam mir die Idee, mit zwei Sicherungspartnern und zwei Seilen zu arbeiten. Das eine Seil als Hauptseil, das zweite Seil wurde sechs Meter unter der Schlüsselstelle nur in zwei Placements geklippt. Dieses Seil wurde am Wandfuß an einer Sicherung direkt in ein »Tube« eingehängt. Bei einem Sturz hat der Sicherungspartner die Aufgabe, soviel Seil wie möglich einzuholen, indem er mit dem Seil in der Hand von der Wand wegsprintet. Damit konnte ich die Sturzhöhe wenigstens auf fünfzehn Meter begrenzen. Dennoch, die psychische Grenze der Angstüberwindung war hoch.
CLIMB: Kannst Du ein paar Details von den vorbereitenden Versuchen erzählen?
Beat: Als Beispiel? Nehmen wir jenen Tag Ende November: 40 Zentimeter Neuschnee, auf dem Thermometer vier Grad unter Null. Ein freiheitsliebender und dazu selbstbestimmender Mensch wie ich hat so seine Schwierigkeiten, wenn er auf Knopfdruck funktionieren soll. Anders dagegen die zwei Filmteams die mit vier Kameramännern auf Action warteten. Mir war klar, heute wird es sich nicht spielen. Mehrere 100Meter-Sprints bringen mich auf Temperatur, ich fühle mich wie ein gejagtes Tier, das um sein Leben läuft. Alles muss schnell gehen, Klamotten anziehen und sofort einsteigen, solange die Finger noch warm sind. Die ersten acht Meter sind ohne Sicherummöglichkeit, das Gefühl in der Magengegend — grausig! Das erste Sicherungsplacement, der kleinste RP mit seinem Ein-Millimeter-Kabel, ändert daran auch nichts. Es hilft nichts, Zähne zusammenbeißen und durch. Es folgt eine Passage mit akzeptabler Sicherung. Ich fühle mich wohler. Nach dem ersten Run-out — es wundert mich, dass die Finger noch warm sind, sogar die Zehen in meinem 36er-Kathana spüre ich noch. Kaum zu glauben, es steigt so etwas wie Motivation in mir auf. Der Schalter ist umgelegt, ich klettere hoch bis zur Schlüsselstelle, dort das letzte Placement zu setzen, ist ein Kriterium. Eine offene Tür auf minimalsten Tritten – ich spüre, wie der Gummi langsam abrollt, während ich mit der freien Hand zwei Keile im Ausgleich reinfummle. Karabiner clippen, und schon tauche ich mit dem Seil in der Hand ab. Ein Wutausbruch nimmt die Spannung aus der Luft. Kameras und Zuseher rund um mich. Sie sehen alles, doch das stört mich nicht. Viel wichtiger, ich spüre, dass sich der Knoten gelöst hat. Ich bin bereit für den inneren Kampf. Vielleicht ist das der Zustand, der mich beim Klettern glücklich macht.
CLIMB: Du hast die Route mit E9 bis EH bewertet; was bedeuten diese Ziffern?
Beat: Es bedeutet, dass du dir verdammt weh tun kannst. CLIMB: Wie wichtig istfür Dich die potentielle Gefahr beim Klettern?
Beat: Mehr oder weniger gehört Gefahr für mich zum Klettern dazu. Das heißt nicht, dass ich es oft auch mag, vollkommen ohne Gefahr unterwegs zu sein.
CLIMB: Wie gehst Du mit der Angst um?
Beat: Das haben mich schon viele gefragt. Manche haben sogar Bücher darüber geschrieben. CLIMB: Du hast schon eine ganze Reihe von Solo-Begehungen gemacht, im Eis und auch im Fels, unter anderem die Route »Mordillo« (8a+) am Voralpsee; wie bereitet sich Beat Kammerlander auf solche, vor allem psychische Grenzgänge vor?
Beat: Grundsätzlich lassen sich solche Grenzgänge nicht erzwingen. Natürlich arbeite ich auch daran, indem ich mir die Gefahrenquellen bewusst mache. Auch die Frage der Motivation spielt dabei eine große Rolle. Und es geht natürlich darum, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen. Wenn sich das alles zusammenfügt, hast du Chancen, dass der »flow« kommt. Wenn nicht, bleibt dir nichts anderes übrig, als weiter darauf zu warten.
CLIMB: Du hast Dir das »Prinzip Hoffnung« zum Fünfzigsten geschenkt; wie ist es um die Kletterform des »alten Mannes« bestellt? Zwickt’s schon irgendwo? Beat: (lacht) An allen Ecken und Enden! Natürlich ich bin dankbar dafür, dass es mir immer noch so gut geht und ich fast mein früheres Level halten kann. CLIMB: »Prinzip Hoffnung« — warum hast Du ausgerechnet diesen Namen gewählt?
Beat: Weil es für mich passend war. CLIMB: Wie beurteilst Du das, was derzeit im Sportklettern passiert—die »Ver-plaisierung« des Kletterns einerseits und andererseits die fast schon paranoide Jagd nach dem XII. Schwierigkeitsgrad, die darin gipfelt, dass neue High-End-Routen meist abgewertet werden, die alten dagegen häufig eine Aufwertung erfahren?
Beat: Ich sehe keine paranoide Jagd nach einem neuen Grad. Es war immer so, dass sich das mit einem neuen Schwierigkeitsgrad erst nach einer Zeit relativiert. Ich sehe geniale Kletterer, die wahnsinnige Projekte finden und dabei ihre eigenen Grenzen verschieben. Klettern ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft, sicher gibt es Profilierungsneurotiker.
CLIMB: In Deinem Blog schreibst Du ganz aktuell, dass im »Silbergeier« irgendwelche Kletterer herum»geiern«, einen zusätzlichen Bolt geschlagen und »run outs« mit Fixseilen entschärft haben; dergleichen ist dem Alexander Huber mit »Bellavista« vor zwei Jahren passiert (Fixseile, manipulierte Griffe). Ist es ein Zeichen unserer Zeit, dass man stets den einfachsten Weg
zum Erfolg sucht, anstatt den ehrlichen?
Beat: Zugegeben, die Sache mit dem Bolt ärgert mich ordentlich. Der Junge sollte sich endlich mal melden. Die Diskussionen über Kletterethik und Moral sind ja nichts Neues. Manche Entwicklungen der letzten Jahre finde ich dagegen eher seltsam. Da werden Meilensteine der Klettergeschichte einfach konsumiert, indem man neue Regeln aufstellt: Routen, die von unten erstbegangen wurden, werden mit Fixseilen von oben eingerichtet. Dann werden die Moves einstudiert. Dass das nicht dasselbe ist wie es der Erstbegeher gemacht hat, sollte wohl jedem klar sein.
CLIMB: Was glaubst Du, welche Möglichkeiten die Kletter-Szene hat, um solche Auswüchse des Über-Ehrgeizes zukünftig zu verhindern?
Beat: Ich sehe das ganze eher als einen falschen Ehrgeiz. Leistungszwang und der Wettbewerb haben sich verschärft. Um den Sponsoren gerecht zu werden, wird da ordentlich getrickst. Mehr Ehrlichkeit würde der ganzen Szene gut tun. CLIMB: Was sind für Dich Hoffnungsträger für die Zukunft des Kletterns? Was hältst Du z. B. vom jungen Adam Ondra, der ja im vergangenen Jahr ein altes Projekt von Dir, »Wogü«, punkten konnte?
Beat: Zum Beispiel Chris Sharma, Bernd Zangerl, Didier Berthod, die Andermatten-Brüder oder, wie du sagst, Adam Ondra — ich liebe diese Jungs! Ich weiß, was es bedeutet, »Wogü« zu punkten! Pietro dal Pra, einer meiner besten Freunde, war dabei und erzählte mir noch am gleichen Abend bei einem kleinen Umtrunk ein paar Details dieser Leistung — Hochachtung für das
Löwenherz von Adam!
CLIMB: Letzte Frage: Was möchtest Du der Kletterszene ins Poesiealbum schreiben?
Beat: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.
(* 1959 Bludenz/Vorarlberg) zähltzu den erfolgreichsten Sportkletterern der Welt und hat maßgeblich zur Entwicklung des Klettersports beigetragen, insbesondere im alpinen Gelände. Seine Route »Silbergeier« (X+, 1994) zählte viele Jahre zu den drei schwierigsten Klettereien in den Alpen. Seine schwierigsten SportkletterErstbegehungen sind »Speed« (XI-/XI) und »Missing Link« (XI) am Voralpsee in der Schweiz; schon 1985 kletterte er mit »Take it easy« den X. Schwierigkeitsgrad. Auch machte er immer wieder durch kühne Alleinbegehungen von sich reden, wie »Mittelpfeiler« (VII+, Heiligkreuzkofel, 1982), »Mordillo« (X—) oder diverse gefrorene Wasserfälle. Beat ist Bergführer und zudem erfolgreicher Fotograf; er ist verheiratet und lebt in Feldkirch/Vorarlberg.